Lawrence Carroll – Martin Disler Traces of Memory
—
Buchmann Galerie

Lawrence Carroll – Martin Disler Traces of Memory

—
Buchmann Galerie
Pressemitteilung

Martin Disler und Lawrence Carroll kannten sich nicht persönlich, aber sie verbindet ein Leben in steter Bewegung und rastloser künstlerischer Arbeit.

 

Beide waren Nomaden, die ihre Ateliers immer wieder an neuen Orten errichteten, viel reisten und offen waren für neue Einflüsse und Inspiration.

 

Lawrence Carroll lebte bis Mitte der 1980er Jahre in Los Angeles und anschließend für mehrere Jahre in New York. Nach Stationen in Malibu und erneut in Los Angeles lebte er ab 2007 in Venedig und unterhielt zeitweise auch ein Studio in Marquette (Michigan). 2005 ließ er sich in Bolsena und einige Jahre später parallel dazu in Tivoli (New York State) nieder, zwei Orte der Konzentration. Er verstarb 2019 im Alter von 64 Jahren.

 

Martin Disler hatte in den 1980er Jahren Ateliers in Zürich, Mailand, Paris, Amsterdam, Samedan (Schweiz) und New York, bevor er 1988 nach Les Planchettes im Schweizer Jura zog, wo er bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1996 im Alter von 47 Jahren lebte und ein umfangreiches Werk hinterließ.

 

Die unterschiedlichen Orte in verschiedenen Ländern gaben beiden Künstlern wichtige Impulse für ihr vielseitiges künstlerisches Werk. Beide bewegten sich souverän zwischen den Medien und Ausdrucksformen – von der Zeichnung und Malerei über Skulptur und Installation bis hin zur Arbeit mit dem Körper.

 

 

Lawrence Carroll

 

Lawrence Carroll erweiterte seine künstlerische Praxis der Malerei und Skulptur unter anderem durch die Zusammenarbeit mit Choreografen wie Meg Stuart. Für Stuarts Stück „No One Is Watching“ (1995) entwarf er das Bühnenbild. Dabei übertrug er seine eigene bildnerische Sprache in den Raum einer Tanzperformance.

 

1997 führte Carroll Regie beim Musikvideo zu Jewels Song „You Were Meant for Me“, das im selben Jahr bei den MTV Video Music Awards ausgezeichnet wurde.

 

Die Auseinandersetzung mit dem bewegten und filmischen Bild fand später auch Eingang in seine Malerei, etwa in den Newspaper Paintings. In den 2010er Jahren entwickelte Carroll die Zeitung und insbesondere das darin enthaltene fotografische Bild zunehmend zu einer eigenständigen Facette seines künstlerischen Werkes. Zu zahlreichen seiner Ausstellungen publizierte er eigens von ihm gestaltete Zeitungen.

 

Der Schritt zur eigenen Fotografie war konsequent. Die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten entstanden in der Umgebung von Tivoli sowie auf längeren Autofahrten durch die Staaten. Sie bilden eine Art fotografisches Tagebuch. Die Fotografien sind nicht das Ergebnis einer gezielten Suche nach bestimmten Motiven, sondern entstanden aus einer Haltung des Wartens, des Umherwanderns und des Sich-Einlassens auf das, was sich zeigt.

 

Carrolls Verständnis der Fotografie ist von dieser Offenheit geprägt. „I wandered into these photographs. I didn’t go looking for them. They came to me“, schreibt er.

 

Seine Fotografien bewahren nicht allein Eindrücke einer Landschaft, sondern zeigen eine bestimmte Haltung gegenüber der Welt: eine Bereitschaft, sich dem Ungeplanten auszusetzen und dem Flüchtigen Aufmerksamkeit zu schenken.

 

 

Martin Disler

 

Martin Disler suchte immer wieder die völlige Verausgabung. Raumfüllende Bilder wie das monumentale, 140 Meter lange Gemälde „Die Umgebung der Liebe“ entstanden innerhalb weniger Nächte. Werkgruppen legte er manchmal auf mehrere Hundert Arbeiten an, nur um sie in kürzester Zeit am Rande der Erschöpfung auszuführen.

 

Auch in seinem grafischen Werk hat Martin Disler nichts ausgelassen und die Verfahren des Holz- und Linolschnitts, der Radierung, Lithografie oder Monotypie mit großer Intensität ausgelotet. So ist ein umfangreiches Oeuvre entstanden, das heute vollständig in der Sammlung des Cabinet des Estampes Genf vertreten ist.

 

Die vier über zwei Meter hohen druckgrafischen Blätter in dieser Ausstellung markieren einen Höhepunkt seiner Auseinandersetzung mit Radierung und Aquatinta. Mit ihrem monumentalen Format skaliert Disler die Arbeiten in die Dimension von Malerei, ohne dabei die spezifische Intensität und den detailreichen Ausdruck des Medium aufzugeben.

 

Für Martin Disler war die Druckgrafik ein unmittelbarer, beinahe körperlicher Prozess. Insbesondere in den Radierungen wird die Druckplatte zu einer Art Gegenüber und zugleich zur Verlängerung des eigenen Körpers. Mit Nadel, Hohleisen und den Händen bearbeitete Disler die Oberfläche, griff unmittelbar in das Material ein und suchte eine Verbindung zwischen körperlicher Geste und bildnerischem Ausdruck.

 

Die Vehemenz der eingeritzten Linien, die Tiefe der Einschnitte und die Intensität des Schwarz zeugen von einer Arbeit, in der sich die Bewegung des Körpers in die Oberfläche einschreibt. Die Druckgrafik wird für Disler zu einem Prozess, in dem sich Material, Wahrnehmung und körperliche Erfahrung untrennbar verbinden.

 

 

Lawrence Carroll und Martin Disler

 

Ein wesentlicher Schlüssel zum Verständnis des Werkes von Lawrence Carroll und Martin Disler liegt in ihrer existenziellen Dimension. Ihre Kunst entspringt weniger einer analytischen Auseinandersetzung mit sozialen, politischen oder geistigen Fragestellungen als einem tief empfundenen inneren emotionalen Bedürfnis. Die Vehemenz der Linienführung bei Disler und die Offenheit der Bildräume bei Carroll lassen sich als Ausdruck einer unmittelbaren, körperlich erfahrenen Existenz begreifen.

 

So unterschiedlich die Bildsprache und künstlerischen Verfahren von Martin Disler und Lawrence Carroll auch sind, beide verstehen das künstlerische Arbeiten als einen Prozess des Sich-Aussetzens. Bei Disler geschieht dies durch den unmittelbaren, bisweilen gewaltsamen Eingriff in das Material, durch das Kratzen, Schneiden und Ätzen, das innere Erschütterungen in eine körperlich erfahrbare Bildsprache übersetzt.

 

Bei Carroll entsteht das Bild aus einer anderen Haltung: aus Geduld, Bewegung, Zufall und der Bereitschaft, Kontrolle abzugeben. Wo Disler die Oberfläche aufreißt, lässt Carroll die Zeit ihre Spuren hinterlassen. Beide suchen jedoch nach einer Form, in der sich Erfahrung verdichten kann, ohne ihre Offenheit zu verlieren.

 

„Traces of Memory“ eröffnet den Blick auf zwei künstlerische Positionen, die auf unterschiedliche Weise danach fragen, wie sich gelebte Erfahrung in der Kunst einschreibt und wie das Flüchtige darin eine bleibende Form finden kann.