Portrait of Wolfgang Laib in Monopol Magazine
German art magazine Monopol featured a portrait of Wolfgang Laib in its January issue, written by Hans-Joachim Müller.
Text in German:
Durch die Blume
Seit fünf Jahrzehnten bringt Wolfgang Laib die Natur ins Museum, häuft Blütenstaub zu minimalistischen Installationen und kreiert Skulpturen aus duftendem Wachs. Seine Kunst steht in radikaler Opposition zur Hektik der digitalen Gegenwart – und das auf die denkbar sanfteste Weise. Porträt eines Solitärs
Klein, schlank, kahl. Asketisch auf eine mühelose Weise. Als seien ihm Leben und Leib nur heitere Zustandsformen eines verschwiegenen Geistes. Redet nicht viel, schreibt keine Manifeste, gibt keine Erklärungen. Was sollte Wolfgang Laib auch erklären. Alles ist zu sehen. Gelbliches Pulver, quadratisch ausgesiebt auf dem hellen Museumsboden. Mehr ist nicht. Oder doch? Nie sind die Worte vorsichtig genug, um die zarte Wirkung nicht gleich zu übertönen. Gelb, aber nicht erstarrte Farbe. Gelb, das in sich leuchtet, glimmt, als sei im Gelb ein molekularer Gelbgrund, ein sanftes Zittern gelber Teilchen, aus dem die Gelb-Anmutung stammt. Blütenstaub von Haselnusssträuchern, drei Gläser kostbare Ernte, gesammelt in den Frühjahrswiesen Oberschwabens. Gelber Überschwang, so ereignishaft wie das Wärmelicht der Sonne. Als in den 1970er-Jahren die ersten Blütenstaubarbeiten von Wolfgang Laib zu sehen waren, kam es manchem vor wie die ökologische Antwort der Kunst auf ihren Pakt mit dem technologischen Teufel. Wer für die Atelierarbeit die Natur braucht und Milch auf flache Marmorsteine gießt und Reiskörner zu Tausenden kleiner Hügel türmt und aus Bienenwachs duftende Passagen und Zellen baut, dem ist sein Bio-Label gewiss. Und wenn er sich so leise inszeniert und Wochen in Wiesen und an Waldrainen verbringt und mit meditativer Geduld die Blüten gelb blühender Blumen wie Hahnenfuß und Löwenzahn abzupft, dann kann es sich nur um einen Fall eurobuddhistischen Trotzes gegen den Verfall der Spiritualität handeln.
Tatsächlich wird es nicht falsch sein, wenn man dieser Art von Kunst- und Lebenspraxis eine genuine Unzuständigkeit ür Benutzeroberflächen und mediale Diesseitigkeit nachsagt. Weiter entfernt von den zeitgenössischen Erscheinungsweisen des Bildes kann man sich künstlerisches Handeln kaum vorstellen. Es ist geradezu extreme Opposition zu den ewigen Realismen und Neuauflagen der gestischen Abstraktion. Man könnte auch sagen: stiller Einspruch gegen den in seinen Kurzzeitreizen ununterscheidbar gewordenen Kunst- und Lebensalltag. So hat es nicht ausbleiben können, dass Laib seine treue Gemeinde vor allem in Asien hat, in Korea und Japan, wo angesichts der feinen Rechen-furchen im Gartensand des Kaiserpalastes von Kyoto so wenig jemand fragen würde, was es zu bedeuten hat, wie in der Laib-Ausstellung vor dem Gelbfeld ausgestreuter Haselnusspollen.Wobei die Wiederverzauberung nicht gleich mit Wiedervergeistigung verwechselt werden sollte. Es gibt in den skulpturalen Arbeiten dieses Künstlers eine offensichtlich minimalistische Wurzel, ein Bekenntnis zur einfachen, ursprünglichen Form mehr noch als zum einfachen, ursprünglichen Leben. Kreis, Dreieck, Quadrat, Kubus, Kegel, Pyramide, Treppe, Wiederholung, Serie, Reihe – andere Bauelemente kommen nicht vor. Und auch das diffuse Blütenstaubkarree bemisst sich nach dem Weiß-volumen des umgebenden Raums. Die Marmorhäuschen mit ihrem Reissaum, die Zikkurat-ähnlichen Wachsarchitekturen, die golden schimmernden „Planeten“-Kegel, die Steine mit ihrer lackartigen Milchhaut. Das monumentale Ei, das mal ein Granitblock gewesen war, die kleinen Schiffe aus Goldfolie – all diese Allusionen auf archaische Formen scheinen zugleich die Westkunst-Tradition zu transzendieren.
Dass sich das Werk des studierten Mediziners nie in kämpferischem Verhältnis zu Vätern und Meistern entworfen hat, dass die Idee der Milchsteine aus der Begegnung mit dem toten Körper stammt, das alles heißt nicht, dass der eigentliche Herkunftsort solch arti izieller Geduldsarbeit nicht doch die Westkunst wäre.Im großen Memorial der Minimal Art, das der französische Milliardär und Großsammler François Pinault derzeit in seiner Pariser Bourse de Commerce feiert, hat Wolfgang Laib keinen Platz. Da für ist für Meg Webster der riesenhafte Rundhof reserviert, wo die Grande Dame aus San Francisco ihre elementaren Formen aus Naturmaterialien installiert hat. Einen Kegel aus Salz, eine Halbkugel aus Erde, eine hohle Wand aus Bienenwachs, eine Höhle aus Buschwerk. Ein kolossaler Auftritt der inzwischen über Jahre alten Künstlerin, der doch anschaulich macht, dass die Reispyramiden und Blütenstaubquadrate des Wolfgang Laib, dass dieser elementargeometrische Einsatz von Naturbaustoffen auch künstlerische Traditionslinien durchs Jahrhundert zieht.Und doch scheint Laibs Werk ohne verlässliche Nachbarschaft. Auch im Kunsthaus Zürich, wo seine Arbeiten in Konfrontation mit Highlights der Sammlung zu sehen sind. Reishalde, Wachskammer, Blütenstaubkarree zwischen Gotik, Giacometti und Monet. Man verträgt sich, hält sich aus, hat aber im Grunde nichts miteinander zu tun. Es ist, als schütze die strenge Geometrie ein eigentümlicher Zauber, der sich so wenig verbraucht wie das glimmende Gelb des Blütenstaubs. Auch Monets Seerosenpanorama aus dem Blütengarten in Giverny wetteifert nicht mit dem gelben Kissen, das vor ihm über dem Boden zu schweben scheint. Es ist wie vornehmstes Abstandhalten.
Jahre ist es her, dass wir alle Abstände überwindend den Künstler in seinem schwäbischen Atelierhaus in Schweinhausen bei Biberach besucht haben. Ein weißer, flacher Stein lag auf dem Boden. Er liegt, wie uns versichert wurde, immer noch da. Obschon der Künstler inzwischen viele Monate im Jahr in seinem Loft in Manhattan verbringt.Der Stein: ein Rechteck, das noch nicht ganz Quadrat geworden ist. Wenige Zentimeter hoch nur und in der Fläche gerade so dimensioniert, dass der ausgestreckte Arm die Kanten und Ecken erreichen kann. Die Ränder sind leicht erhöht, die Beckenform nur angedeutet. Eine makellose Fläche, dem Marmor fehlt gar die Marmorierung. Stoff, Form-Idee und Materialumgang haben sich zu einem fundamentalen Zeichen für Reinheit und Vollkommenheit verbunden. Jedenfalls kein Bodenbelag wie die Platten des Carl Andre. Eher ein Bild aus hellem Stein. Vielleicht ein rituelles Becken, vielleicht ein Meditationsobjekt. Aber alle Assoziationen bleiben Behelfe, solange die Anschauung nicht zur radikalsten, weil schlichtesten Beschreibung gezwungen wird: Was da auf dem Boden liegt, ist die Form gewordene Behauptung einer Unverfügbarkeit, die sich gerade dadurch ausweist, dass sie ihre ganze disziplinierte Sinnlichkeit drangibt, um nichts anderes als da, als vorhanden zu sein.Wolfgang Laib holt fünf Tüten Milch, reiht sie neben dem weißen Stein auf, üllt die Oberfläche, verstreicht mit der flachen Hand die Flüssigkeit, die dank der Oberflächenspannung nicht über die Ränder hinausläuft. Stille Kontrolle begleitet die Handlung am Stein. Ganz langsam breitet sich die Milch aus, deckt das eine Weiß das andere Weiß – mehr Lasur als Legierung. Naturprodukt und Kunstprodukt schmiegen sich aneinander, aber sie verschmelzen nicht: Die weiße Milch lässt den weißen Marmor durchscheinen und ist doch – dank ihres Fettgehalts – konsistent genug, um gegenüber dem Stein selbstständiges form-ergänzendes Element zu sein. Erhaben wölbt sie sich über den Stein, eine plane, sattglänzende, unberührbare Schicht. Jedes fallende Haar schon wäre Störung, und lange hält die Milch auch nicht – dann muss sie ausgetrocknet und erneuert werden. Und das sei gut so, meint Wolfgang Laib. So bleibe der Stein-Ereignis.
Der Arztsohn hat Medizin studiert und die akademischen Pflichtschritte erfolgreich absolviert. Aber schon während des Studiums gewusst, dass das alles keine hinreichenden Antworten sein können auf seine Fragen, dass ihm Reparaturvorschläge gemacht werden, wo es ihm doch um komplexe Lebenszusammenhänge geht. Mit Teilaussagen wollte er sich nicht zufriedengeben. Also hat er angefangen, Steine zu schleifen. Mit der Hand. Hat geschliffen, bis alles Gewachsene aus ihnen ausgeschliffen war und sie in höchstem Maße gemacht und kunstvoll aussahen. Erst dann kam zum ästhetischen Stoff der Lebensstoff – Stein und Milch, das Feste, die Form und das Fließende, eine Metapher für Unbeständigkeit und Erneuerbarkeit.
Was ist es, was so fasziniert? Die uneingelöste Sehnsucht, im Einklang zu leben und Einheit zu stiften, wo Lebenszusammenhänge unwiederbringlich zerrissen sind? Eine Sehnsucht, die kein spirituelles Angebot wirklich stillt. Der heilige Franziskus sei ihm so wichtig wie der Islam, und der kleine Kreuzix-Korpus, den er an die Wand gehängt hat, stamme aus Indien. Allesamt Zuschauer, keine Mitarbeiter. Es sind in jeder Wiederbegegnung mit Wolfgang Laibs Arbeiten die unbeschädigten Reste des Wortes Schönheit zu entdecken. Aber – und darauf beharrt er mit schwäbischer Insistenz – Schönheit „nicht im Sinn der Kunst seit Michelangelo“. Er male keine milchweißen und keine löwen-zahngelben Bilder. Er sei nicht schuld an der Schönheit, er organisiere sie nur. Und als Organisator kennt er auch nicht die Rolle des Autorkünstlers, der mit meisterlicher Gebärde auf seine Produktion weist. Jedenfalls entsteht dieses fragile, in Konzeption und Ausführung gleichermaßen behutsame Werk bis heute nicht im Triumph überlegenen Schöpfertums.
Wenn es in den Wiesen der oberschwäbischen Heimat zu blühen beginnt, beleiht Laib die Natur. Sammelt mit Bienenfleiß Blütenstaub. Pollen vom Löwenzahn, von Moosen und Kiefern und Sauerampfer. Bis da Blüte um Blüte abgeklopft ist und aufgehäuft, was sie an Farb- und Lebenspigmenten hergeben, vergeht das Frühjahr – vergehen Wochen wie beim Schleifen der Steine. Den Blütenstaub siebt er auf Glasplatten aus oder belässt die Naturkonzentrate in Sammelgläsern, stellt die Vorräte nebeneinander auf: Protokolle geduldig verbrachter Zeit. Dabei ist es nie verboten, sich zu Milch und Pollen, zu den Kleinbergen aus Reis, den goldenen Schiffskörpern oder den begehbaren und unbegehbaren Wachshäusern seine eigenen Geschichten zu erzählen. Um zuletzt dann doch staunend festzustellen, dass es wenigstens einmal der Kunst gelungen ist, ihre Formen aus dem Zeichensystem zu lösen und ihre zarte Magie zu wecken.
in: Monopol Magazine January 2026
The article in Monopol Magazine can be found via this link.